Wirecard und das G aus ESG

Bei nachhaltigen Investments denken die meisten Anleger vor allem an ökologische Kriterien, den Klimawandel oder an die Vermeidung von Kinderarbeit. Dass auch die Art der Unternehmensführung selbst ein ganz wesentliches Kriterium ist wissen die wenigsten. Dabei steckt es doch im beliebten Kürzel ESG schon drinnen – E steht für Environment, S für Social und G eben für Governance. Die beste Übersetzung dieses Begriffs ist wohl „gute Unternehmensführung“. Und diese ist entscheidend, wenn es um die Vermeidung von Risiken geht.

Der Fall von Wirecard ist ein schönes Beispiel für den Mehrwert, den nachhaltige Kriterien in der Geldanlage den Anlegern bietet. Wirecard, ein deutscher Zahlungsdienstleister, der seit seiner Gründung 1999 eigentlich nur den Weg nach oben kannte. Im Herbst 2018 wurde das Unternehmen in den Aktienindex DAX aufgenommen. Wirecard war unter den Top30 Deutschlands angekommen.

Aber schon Anfang 2019 berichtete die Presse über Unregelmäßigkeiten in der Bilanz des Unternehmens, was den Aktienkurs vom Spitzenwert von 190 Euro auf um die 100 Euro fallen ließ. Jetzt, 1 1/2 Jahre später, wurde bekannt dass 1,9 Mrd. Euro, also etwa ein Drittel des Eigenkapitals, unauffindbar sind. Der Chef und Gründer trat zurück, die Firma meldete Insolvenz an und der Aktienkurs kollabierte auf etwa 3 Euro. DieStaatsanwaltschaft ermittelt.

Das Schöne daran ist für mich, dass dieser Skandal meine Portfolios nicht betrifft. Viele Fonds, und sicher alle relevanten ETFs, hatten Wirecard-Aktien. Gute nachhaltige Fonds hatten das nicht. Eine Schweizer Fondsgesellschaft wies darauf hin, dass es bei der Bewertung von Wirecard immer am G – also an der mangelnden Transparenz und an dem mangelnden Vertrauen in die Unternehmensführung – scheiterte und sie den Titel deshalb nie gekauft hatten.

Ein deutscher Fondsmanager meinte, er habe bei Wirecard deshalb genauer hingeschaut,  weil ihm die Zahlen zu schön vorkamen, um wahr zu sein. Als er schließlich Ende 2018 nach einem Gespräch mit dem CEO Wirdecards große Zweifel am Geschäftsmodell von Wirecard bekam habe er die Aktie aus allen Fonds abverkaufte. Rechtzeitig vor dem ersten Absturz also. Auch vertraute er den Testaten der Wirtschaftsprüfer nicht mehr uneingeschränkt, hier waren ihm spektakuläre Pleiten wie Enron oder Parmalat warnende Beispiele, aus denen er gelernt hat. Vielen anderen Anleger haben hier nichts gelernt oder ihre Gier hat die Vorsicht besiegt. Jetzt stehen sie vor einem Totalverlust. Und dieser Totalverlust – the permanent loss of capital – ist das größte Risiko in der Geldanlage, nicht die Kursschwanken von Aktien, die die meisten als Risiko ansehen.

Langer Rede kurzer Sinn – eine konsequente Nachhaltigkeitsanalyse nach ESG-Kriterien senkt die Wahrscheinlichkeit, durch solche Skandale Geld zu verlieren. Das belegen mittlerweile auch zahlreiche Studien und nicht zuletzt der Fall von Wirdecard. Und ist sicher mit ein Grund, warum gute Nachhaltigkeitsfonds seit Jahresbeginn besser als ihre Vergleichsindices laufen.